Beileid: Entspannung fördert Ruhe und Vertrauen

Selbstfürsorge schafft Ruhe und Klarheit bei Trauer und Trauma

Hohe emotionale Beanspruchungen lösen meist körperliche und seelische Anspannung aus, es kommt oft zu Stressreaktionen, die sich im ungünstigsten Fall potenzieren: Rita lief in den ersten zwei Wochen nach Max Tod „auf Hochtouren“: zunächst der Schock über die dramatische Verschlechterung seines Gesundheitszustandes und die langen Stunden des Wartens auf den erlösenden Tod, Schlafentzug, viel Organisatorisches, Familie und Verwandte von Fern und Nah. Erst als die Beerdigung vorüber war, und sich langsam die tiefe Erschöpfung ausbreitete, spürte Rita, wie verspannt der Nacken war, wie sehr die hochgezogenen Schultern schmerzten und sich der gesamte Rücken wie ein steifer Stock anfühlte. Einerseits fühlte sie die Schockstarre und innere Anspannung schmerzhaft und quälend, andererseits war sie absolut matt und antriebslos. An erholsamen Schlaf war nicht zu denken, die Nächte waren zerhackt von intervallartigem Aufwachen mit kreisenden Gedanken. Max ist tot! Nie wieder über seine Haare streichen, ihn nie wieder in die Arme nehmen! Schließlich musste Rita Medikamente gegen sehr starke Migräneanfälle einnehmen. Deshalb ist es wichtig und hilfreich, so früh wie möglich für Ruhe, Entspannung und Unterstützung zu sorgen. Bitte versuchen Sie sich immer wieder zu fragen: „Was ist jetzt unbedingt nötig? Kann ich jemanden finden, der mir das abnimmt?“ Versuchen Sie Multitasking zu vermeiden und jeden Augenblick, vor allem in der Anfangszeit so achtsam wie möglich im Hier und Jetzt zu verleben, auch wenn es schwer fällt und die Flucht in den Nebel erlösend erscheint. Hilfreich ist lockere Bewegung möglichst auch bei Frischluft und in der Natur, um Blockaden abzubauen oder zu vermeiden. Wenn Sie mögen, lade ich Sie zu einer Selbstentspannungstechnik ein: Diese Übung kann Ihnen dabei helfen, das Gedankenkarussell zu stoppen, Ruhe im Geist zu schaffen, sowie Leid und Starre im Körper zu lindern. Ich habe diesen sogenannten Bodyscan so variiert, dass Trauernde ihn gut durchführen können. Sobald sie bei der Übung ein Unwohlsein wahrnehmen, stoppen Sie die Übung sofort, stehen Sie auf, bewegen sich und richten Ihre Gedanken auf das, was sie gerade jetzt im Moment wahrnehmen: Was sehen, hören und fühlen Sie jetzt?

Wenn möglich, legen Sie sich mit dem Rücken auf einen warmen Teppich, eine Matte oder Decke auf den Boden. Alternativ können Sie sich auch auf einen Stuhl oder Sessel setzen, die Handflächen sind möglichst nach oben gerichtet. Sollten Sie sitzen, finden Sie eine Position für Ihre Hände und Arme, in der die Schultern entspannt sind. Spüren Sie ganz bewusst, wie Ihre Füße den Boden berühren, das Gesäß aufliegt und der Rücken die Unterlage oder die Lehne berührt.

Nehmen Sie nun Ihren Atem wahr: Spüren Sie den Luftzug am Naseneingang? Die sanfte Bewegung des Bauches oder des Brustkorbes? Finden Sie sich in ihren ganz persönlichen Atemrhythmus ein.

Nun lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Füße: Lassen Sie den warmen entspannenden Luftstrom in ihren Füßen kreisen, fünf Atemzüge Entspannung nur für die Füße! Vielleicht mögen Sie im Stillen sagen: „Meine Füße sind entspannt.“

Lenken Sie nun die Aufmerksamkeit auf die Beine. Ihr Luftstrom transportiert Sauerstoff in die Beine, fünf Atemzüge: „Entspannung für die Beine“.

Ihre Aufmerksamkeit darf nun zum Becken aufsteigen: Lassen Sie entspannende, warme Luft in Ihrem Becken kreisen: Fünf Atemzüge „Lockerheit und Entspannung für das Becken“.

Nacheinander darf Ihr Atem für fünf Atemzüge die Hände, Arme, Schultern, den Rücken, den Brustkorb, Gesicht, Hals, und Kopf ENTSPANNEN.

Wie die Insel der Seerosen auf dem Teich ist es möglich im Alltagsstress mit der Atmung eine insel der Entspannung zu schaffen
im Strom der Atmung Entspannung finden

Sich treiben lassen, auf dem See der Atmung…

Zum Abschluss der Übung lassen Sie Ihren Atem noch einmal durch den ganzen Körper fließen. Sollten Sie sich mehr Kraft wünschen, können Sie in Ihrer Vorstellung die Energie immer schneller kreisen lassen, bis sich alle Körperteile wohlig warm anfühlen, oder ein Kribbeln einstellt. Spüren Sie bitte noch einmal nach: Wie geht es jetzt?

Sollte es Ihnen schwer fallen, Ihre Körperteile mit dem Atem zu entspannen, können sie alternativ zunächst die Muskeln so fest wie möglich anspannen und dann die Muskeln für drei Atemzüge loslassen.

Je öfter Sie üben, desto schneller und intensiver erfolgt der Entspannungseffekt. Sie können die Länge der Übung variieren, indem Sie die Anzahl der Atemzüge verringern oder erhöhen. Es befinden sich auch zahlreiche Medien für den Bodyscan, der in vielen Varianten durchgeführt wird, auf dem Markt. Meine Erfahrung ist, dass die Übung nachhaltiger wirkt, wenn Sie sie mit sich selbst durchführen können und an Ihre persönlichen Bedürfnisse anpassen können. Sie lernen, selbst gut für sich zu sorgen. Im Alltag kann die Übung im Sitzen, im Büro, in der Bahn, im Flugzeug unauffällig als Zwischenentspannung durchgeführt werden.

Zur Entlastung und Entspannung können Sie auch als Außenstehender hilfreiche Angebote machen: Gibt es Besorgungen oder Fahrdienste zu erledigen? Können Aufgaben umorganisiert und delegiert werden? Vielleicht können Sie eine Mahlzeit zubereiten oder auch zu einem kleinen Spaziergang animieren? Scheuen Sie sich nicht, konkrete Angebote zu machen. Sofern sie ehrlich gemeint sind und von Herzen kommen, werden Sie sicher als Zuwendung registriert, auch wenn der Trauernde sie gerade nicht annehmen kann.

Der Verlust eines nahen Familienangehörigen ist einer der am meisten stressauslösenden Faktoren. Aber auch der Tod eines Kollegen kann große Aufregung und Trauer auslösen. Dies betrifft nicht nur die nahen Bezugspersonen, sondern auch das Umfeld, da allein die Vorstellung, selbst diesen Schicksalsschlag erleiden zu müssen, starke (Angst-)Gefühle auslösen kann. Deshalb ist es für alle Beteiligten eine große Hilfe, alle Formen der Entspannungsmöglichkeiten zu nutzen. Dies bedeutet zunächst Raum für Gefühle und deren Austausch zu geben, sowie allen kurze Auszeiten und Pausen zu ermöglichen, um schlechte Nachrichten „verdauen“ zu können.

Im Unternehmen von Stefan hat der Geschäftsführer nach der Benachrichtigung über seinen plötzlichen Tod spontan allen Angestellten die Möglichkeit gegeben, in der nahe gelegenen Kirche noch am gleichen Abend während der Arbeitszeit eine Andacht zu besuchen. Dies wurde als sehr hilfreich empfunden, auch von den nichtkonfessionell gebundenen Mitarbeitern!

Zur Entspannung gehört auch Transparenz und Kommunikation, Gelassenheit, speziell bei Entscheidungen, Vertrauen auf die Selbstheilungskräfte, Geduld und Optimismus. Wichtig sind Gesprächsangebote zur persönlichen Entlastung, sowie Körperentspannungsverfahren, wie zum Beispiel Fitnessangebote, Yoga, Feldenkrais, Qi-Gong, Muskelentspannung nach Jacobsen und Achtsamkeitskurse.

Je mehr Ruhe wir entwickeln können, desto besonnener und nachhaltiger können wir entscheiden.

Ein Beitrag aus meinem Buch: „Wenn Kollegen trauern“ (Kösel, 2016)

Trauer im Unternehmen wahrnehmen, verstehen, begleiten
Über den guten Umgang mit Trauer am Arbeitsplatz

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.