BEILEID leben: Informationen schaffen Klarheit bei Trauer am Arbeitsplatz

Wenn Kollegen trauern, ist auch am Arbeitsplatz viel zu organisieren, daher sollte der Informationsaustausch zwischen Arbeitgeber und Mitarbeiter*innen so bald wie möglich beginnen: Möglicherweise kann ein Kollege behilflich sein, die richtigen Ansprechpartner in der Personalabteilung zu finden? Oder ist die direkte Vorgesetzte für alles zuständig? Sinnvoll ist es, ein bis zwei kontinuierliche Gesprächspartner im Unternehmen zu haben, die den Kontakt und den Informationsfluss herstellen, um wichtige Neuigkeiten aus der Firma, bzw. von der trauernden Person vermitteln.

Je offener und direkter der Austausch mit Ansprechpartner*innen im Unternehmen stattfindet, desto mehr Verständnis und Unterstützung ist möglich!

Ausdrücklich möchte ich dazu ermutigen, auch heikle Themen direkt anzusprechen: Wer möchten mit wem sprechen, wer möchte oder soll bei der Beerdigung anwesend sein, und wer nicht? Wer darf über genauere Umstände informiert werden, wie können Abstufungen gemacht werden? Dies alles sind wichtige Überlegungen, die die Situation am Arbeitsplatz wesentlich erleichtern können.

Wenn ein Kollege oder eine Mitarbeiterin verstorben ist, ist es für alle Beteiligten sehr wichtig, exakte Informationen zu erhalten. Je genauer und besser, desto geringer das Leid durch falsche Spekulationen und unzutreffende Schuldzuweisungen. Dies ist besonders dann von Bedeutung, wenn es sich um einen Arbeitsunfall handelt! Auch im Team, im Umgang mit Kollegen und Vorgesetzten haben trauernde Kolleg*innen das Recht auf ausreichend Informationen, Respekt und Privatsphäre. Die Befindlichkeiten sind sehr unterschiedlich!

Jeder Verlust ist für jeden Menschen individuell, deshalb wird es selten seriöse Literatur geben, in denen Fahrpläne für „richtiges Trauern“ enthalten sind. Umso wichtiger ist es, sich um passende Informationen im Umfeld zu bemühen. Dazu bieten sich regionale Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen der Städte, Gemeinden, Kirchen, Hospizvereine und Wohlfahrtsverbände an und natürlich qualifizierte Trauerbegleiter sowie Therapeuten, die bereit sind, sich auf das Thema einzulassen. Ich habe gleich nach dem Tod unseres Sohnes Bücher verschlungen und das für mich Richtige herausgefiltert. Oft bieten örtliche Büchereien erstaunlich viel gut sortierte Literatur an. Wie überall gibt es auch im Internet gute und weniger geeignete Informationen. Vor allem mit Chats und Foren darf Zurückhaltung geübt werden, da dort jeder seinen Kummer ausschütten kann, der dann anders als in gut geleiteten Selbsthilfegruppen ungefiltert auf Sie als Betroffenen oder Begleiter*in hereinprasselt. Dies kann manchmal zu viel werden und die eigene Belastung noch erhöhen.

Deshalb meine große Bitte: Beachten Sie, dass Sie Ihre eigenen, individuellen Möglichkeiten, Kräfte, Reserven und Grenzen gut ausloten und beachten. Lieber ein bisschen vorsichtiger, als zu forsch! Ein professioneller Gewichtheber steigert die Kilos auch nur langsam! Was Freunden, Nachbarn und Kollegen geholfen hat, könnte für Sie oder den Menschen, den Sie unterstützen wollen, grundverkehrt sein und umgekehrt.

Sind Sie eher ein Macher, der viel Beschäftigung braucht und gerne organisiert? Oder denken Sie gerne erstmal in Ruhe nach und brauchen Daten und Fakten? Vielleicht gehören Sie auch zu den Menschen, die Unangenehmes lieber verdrängen und sich ablenken? Schließlich könnte es auch sein, dass Sie mehr der emotionale Mensch sind, der gerne seinen Gefühlen freien Lauf gibt. All diese Reaktionen sind individuell unterschiedlich ausgeprägt, es geht darum, behutsam auszuprobieren und immer wieder neue, geeignete Lösungen zu finden. So ist es auch mit dem Herantasten an die berufliche Situation:

„Mein Umfeld drängte mich, möglichst bald wieder arbeiten zu gehen. Das würde mir sicher helfen. Ich habe es versucht, es war die Hölle!“

„Nach dem Tod meiner beiden Familienangehörigen war ich 14 Tage lang krankgeschrieben, danach versuchte ich wieder zu arbeiten, auch um mich abzulenken. Das ging leider nicht lange gut.“

Bitte versuche Sie es nicht auf die hier beschriebene „Gewalttour“, Vielleicht eher so, wie ein anderer Umfrageteilnehmer beschreibt:

„Vor dem Wiedereinstieg traf ich mich mit dem einen oder anderen Kollegen für ein ruhiges Gespräch außerhalb der Firma. Auch mit meiner Vorgesetzten traf ich mich in Ruhe. Bei jedem Treffen waren wir maximal zu dritt, mehr Menschen hätten mich überfordert.Ich habe mich für einen Wiedereinstieg von 80% entschieden, weil ich nicht sicher war, wieviel Energie ich wieder haben würde und auch als sichtbares Zeichen dafür, dass ich noch nicht wieder voll einsatzfähig bin.“

Wenn ein ganzes Team betroffen ist, gilt es auch, Lösungen zu finden, die sowohl für das Kollektiv, als auch für den Einzelnen machbar sind.

Um angemessen reagieren zu können, benötigen alle Beteiligten zuverlässige und diskrete Informationen zum Schicksal des Betroffenen. Auch die Information über die Beisetzung, deren individuelle Gestaltung und die eventuelle Teilnahme daran ist meist sehr wichtig! Dabei soll natürlich die Privatsphäre der Trauernden so gut wie möglich gewahrt werden. Hier ist eine sensible Abwägung wichtig, um zu gewährleisten, dass angemessene Unterstützung und Mitgefühl möglich werden, andererseits keine Sensationslust gefördert wird. Belastete Mitarbeiter*innen entwickeln ein feines Gespür und sensible Antennen für ihr Gegenüber. Deshalb ist es bei allen Versuchen zu unterstützen und in Kontakt zu kommen sehr wichtig, die Individualität des Einzelnen zu respektieren sowie authentisch zu sein. Floskeln und Sprüche wie „Die Zeit heilt alle Wunden“, „Jeder bekommt nur das Schicksal, dass er tragen kann“, sowie „Wer weiß, wozu es gut war“, sind meist sehr verletzend. Eher förderlich sind respektvolle Fragen zum Befinden und zur aktuellen, individuellen Bewältigung der Situation, Auch das Signal, erzählen zu dürfen, nehmen viele Trauernde dankbar an.

Offene Fragen und positive Signale könnten sein:

  • „Möchtest Du mir davon erzählen?“
  • „Wie hast Du davon erfahren?“
  • sich wortlos mit einer teilnehmenden Geste dazu setzen
  • ein liebevoller Blumen gruß
  • kleine Handreichungen
  • alles, was wirklich von Herzen kommt!

Jede Person trauert anders und deshalb gibt es kein Richtig oder Falsch! Erlaubt ist, was guttut bzw. heilt! Deshalb gilt es immer wieder in den Austausch zu gehen und achtsam die individuellen Bedürfnisse und Notwendigkeiten zu erforschen!

Entnommen mit leichten Änderungen aus meinem Buch: „Wenn Kollegen trauern“ (Kösel 2016)

Trauer im Unternehmen wahrnehmen, verstehen, begleiten
Über den guten Umgang mit Trauer am Arbeitsplatz

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